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Gish PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Marco Fava   
Sonntag, den 07. Januar 2007 um 20:53 Uhr

„Gish“ – Ein amorpher schwarzer Klumpen Held

 titel gish

Wenn ein neues Computerspiel auf den Markt kommt, reiben sich Graphikkartenhersteller meist freudig die Hände. Denn die Programme, die heutzutage auf privaten Rechnern für verspielte Stunden sorgen, liefern sich mitunter regelrechte Wettrennen in Sachen aufwendiger 3D-Graphik. Ob Autorennen,  Fantasy-Rollenspiel, Ego-Shooter etc.: Wer keinen einigermassen zeitgemässen Computer besitzt und in Sachen Spiele dennoch „à jour“ bleiben will, guckt ohne regelmässigen Hardware-Upgrade bald einmal in die Röhre. Zwar ist dieses regelmässige Aufrüsten in der Windows-Welt wohl (noch?) wesentlich extremer als in der Mac-Gemeinde, doch auch wir Freunde des Rechners mit dem Apfel sehen uns immer wieder mit der Situation konfrontiert, dass der für teures Geld erworbene Compi nur allzu schnell den Anforderungen neuer Software nicht mehr entspricht. Dies ist zwar nicht nur bei Spielen der Fall, doch gerade diese gehören zu den ressourcenhungrigsten Programmen.


Gelegenheits-Spieler, die nicht immer das neueste Game auf der Festplatte haben müssen, denken gelegentlich mit einem Tränchen im Auge an die Kindertage des „Heimcomputers“ zurück. Wer sich noch an den mittlerweile in Ehren ergrauten C64 erinnert, weiss: „Nostalgie-Games“, die auf 3D-Graphikorgien verzichten, müssen nicht zwangsläufig schlechter als aktuelle Computerspiele sein. Im Gegenteil, als die Monitordarstellung noch pubertäre Pixel hatte und die durchschnittlichen Ladezeiten schon mal reichten, um vor Spielbeginn in aller Ruhe das Mittagessen zu sich zu nehmen, mussten sich Game-Designer vor allem darauf konzentrieren, Spiele so einfallsreich zu gestalten, dass diese – trotz einfachster Graphik und eingeschränkter akustischer Optionen – die Leute begeistern konnten. Ein Genre aus vergangenen Tagen, das vor allem auf Mobiltelefonen, auf dem Internet (z.B. als Flash-Game) oder im Shareware- und Freewarebereich immer noch sehr beliebt ist, ist das sogenannte „Jump and Run Game“. Oldschool-Zocker erinnern sich gerne an Hüpforgien à la „Super Mario“ oder „Donkey Kong“, wo ein dicker Klempner durch die eher grobpixelig gestaltete virtuelle Landschaft hechten und Fässern ausweichen musste, die ihm ein böswilliger Gorilla vor die spartanisch animierten Knubbelfüsschen warf.


Die Entwickler aus der Spieleschmiede „Chronic Logic“ haben sich an solchen „Plattform-Spielen“ orientiert und liefern mit „Gish“ ein anspruchsvolles 2D-Game für MacOS, Linux und Windows. Nicht dass „Gish“ eine gehobenen intellektuellen Ansprüchen genügende Hintergrundstory bieten könnte. Dafür glänzt das Spiel durch seinen skurillen Charme. Bei Gish, dem Helden des Spiels, handelt es sich nämlich um einen lebendigen Teerball. Als Gish eines Tages mit seiner (menschlichen) Freundin Brea einen friedlichen Sonntagsspaziergang macht, wird die traute Zweisamkeit plötzlich unterbrochen. Gishs Herzblatt wird  von einem Monster entführt und in die Kanalisation verschleppt. Klar, dass sich der sensible Teerball mit dem Macho-Herzen so etwas nicht gefallen lässt. Flugs stürzt er sich in die Unterwelt, um seine Geliebte zu retten. Nun liegt es am Spieler, den schwarzen Klumpen durch weit verzweigte und gefährliche Abwasserkanäle zu manövrieren, auf dass das ungleiche Paar am Schluss wieder vereint ist. Auf seiner Suche nach Brea trifft der klebrige schwarze Hüpfer natürlich auf so manche unangenehme Überraschung…


Gesteuert wird der Teerbrocken mit der Tastatur. Gish kann rollen, hüpfen, schwimmen, tauchen, kleben und schleimen. Letztere zwei Fähigkeiten tönen zwar nicht unbedingt appetitlich, erweisen sich in der Kanalisation aber als überlebenswichtig. Benutzt Gish seine Klebefähigkeiten, kann er die Wände hochgehen und sich gegebenenfalls auch an der Decke entlang bewegen. Das „Schleimen“ wiederum ermöglicht es ihm, sich auch durch engste Korridore hindurchzuzwängen. Die zahlreichen Gegner besiegt Gish entweder, indem er auf sie springt oder mit Steinen und anderem Material bewirft. Sind die Widersacher gar etwas kleiner als er selbst, klebt Gish diese einfach an sich fest und schleudert sie in hohem Bogen durch die Luft. Eine amorphe Körperform hat eben auch ihre Vorteile.

 screenshot gish

Viel Wert haben die Macher von „Gish“ darauf gelegt, die „Spiel-Physik“ so „realistisch“ wie möglich zu gestalten. So wirkt sich beispielsweise auch die Fallhöhe auf den Gesundheitszustand des Teerklumpens aus, und je nach Umgebung (z.B. unter Wasser) „fühlt“ sich die Steuerung anders an. Zudem kann sich Gish auf Wunsch „schwerer machen“, beispielsweise, um poröse Böden zum Einsturz zu bringen, wenn es sonst nicht weitergeht im unterirdischen Labyrinth. Zwar verträgt Gish eine ganze Menge, unbesiegbar ist das klebrige Alter Ego des Spielers trotzdem nicht. Überhaupt ist „Gish“ ein Game mit beachtlichem Schwierigkeitsgrad. Die ersten Levels sind zwar schnell gemeistert, doch je weiter man in die Unterwelt vordringt, desto gemeiner werden die Attacken der Gegner und desto schwieriger ist es, sich in der weitläufigen Kanalisation zurechtzufinden. Nicht immer ist auf Anhieb klar, welchen Weg der Teerklumpen wählen muss, und es kommt auf die Kombinationsgabe des Spielers an, wie Gishs Fähigkeiten am erfolgreichsten eingesetzt werden. „Gish“ beansprucht also nicht nur die Finger, sondern durchaus auch die grauen Zellen…

screenshot gish
Gut, dass es sehr viele „geheime Orte“ gibt, beispielsweise Höhlen, in denen zusätzliche Punkte oder gar Extra-Leben gesammelt werden können. Das Spiel offeriert 10 verschiedene Gegner, die ebenso wie Gish an Figuren aus modernen und „trendigen“ Cartoons und Trickfilmen erinnern. Gerade das schräge Design der skurillen Gestalten, die die Unterwelt bevölkern, zeigt, dass sich das Spiel (trotz vergleichsweise geringem Gewaltlevel) doch eher an ältere Spieler richtet. In graphischer Hinsicht ist „Gish“ durchaus auf der Höhe der Zeit, wirkt zeitgemäss und gar nicht altbacken. Schade nur, dass viele der aufwendig gestalteten Levels in sehr dunklen Farbtönen daherkommen. Neben der Optik des Spiels überzeugt auch dessen abwechslungsreicher Soundtrack irgendwo zwischen Pop, Funk und 80er-Jahre-Gitrarrenrock.


Neben dem doch recht happigen Solo-Modus, der sogar fingerfertige und geübte Gamer einige Stunden an den Bildschirm fesseln dürfte, bietet „Gish“ noch andere Spielmodi, z.B. ein witziges Mini-Game, bei dem 2 Spieler als verfeindete Teerklumpen im Sumo-Stil gegeneinander antreten müssen. Sogar ein Level-Editor liegt dem Spiel bei.


Witzig auch die vielen kleinen Gags, die die Entwickler in das Spiel eingebaut haben. So ist bei jedem Start von „Gish“ ein fiktives Filmplakat zu sehen, das den Teerklumpen etwa als (Arnold) „Gishenegger“ in „Gishinator“ zeigt oder Werbung für Filme wie „The Blair Gish Project“ und „Gish Fiction“ macht. Daneben wird in „Gish“ auch immer wieder auf „klassische“ Computerspiele wie „Pacman“, „Boulder Dash“, „Pitfall“ etc. angespielt.


„Gish“ ist ein optisch und akustisch überzeugendes Game mit einem gewissen „Retro“-Charme. Das Spielprinzip erschliesst sich rasch und die vielen kleinen Details und der immer wieder aufblitzende schwarze Humor sorgen bei Freunden hektischer Geschicklichkeitsspiele für länger anhaltende Spielfreude. Der skurille Teerball könnte noch so manchem ans Herz wachsen.Schade nur, dass das Spiel einen doch beträchtlichen Schwierigkeitsgrad aufweist. Feinmotorisch Ungeübte werden bald merken, dass es nicht so einfach ist, die Spielfigur zu steuern. Je höher Gish beispielsweise springen soll, desto präziser und besser koordiniert muss der Spieler in die Tasten greifen. Übung macht bekanntlich den Meister (gilt auch für Teerklumpen).


Wer jedoch das etwas andere „Jump and Run Game“ sucht und bereit ist, einige Zeit zu investieren, um Gish und seine entführte Freundin wieder zusammenzubringen, wird an diesem Spiel seine Freude haben. Prädikat: hoher Teergehalt, klebrig, schräg…


Text: © Marco Fava, Binningen, Switzerland

Systemanforderungen
OS X 10.1
G3 mit 1 GHz, G4 mit 1,5 empfohlen
OpenGL-fähige Grafikkarte mit 32 MB
Info: www.halcyon.de

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Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 07. Januar 2007 um 20:56 Uhr